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Viele Verkehrsmittel, eine App

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Viele Verkehrsmittel, eine App

Das Ziel: weniger Autoverkehr in den Städten. Der Weg: eine Mobilitäts-App, mit der Kund*innen verschiedene Verkehrsmittel buchen und bezahlen können, von Bus und Bahn über Roller, Rad und Scooter bis zum Car-Sharing-Auto. Der Treibstoff: offene Daten.

Wenn der Berliner Jakob Michael Heider von seinem Büro in der Usedomer Straße zum Potsdamer Platz will, kann er Bus und S-Bahn nehmen. Oder er nutzt die U-Bahn und steigt später in den Regionalexpress um. Steht ein E-Roller, ein Tretroller oder ein Leihfahrrad in der Nähe, fährt er damit gleich den gesamten Weg zum Potsdamer Platz.

Heider ist Chef der digitalen Mobilitätsplattform Jelbi bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) – seine Jelbi-App zeigt ihm diese und weitere Möglichkeiten an, ohne eigenes Auto von A nach B zu kommen. „Mit einem Team aus Kolleginnen und Kollegen und mit direkter Unterstützung durch den Fachvorstand haben wir Jelbi auf die Welt gebracht“, sagt Heider. „Wir ziehen das Baby nun gemeinsam groß.“

Das Baby ist eine MaaS-Lösung. MaaS steht für Mobility as a Service. Übersetzt bedeutet das Mobilität als Dienstleistung. Die Menschen sollen das eigene Auto stehen lassen und mit Bus, Bahn, E-Roller, Tretroller und Leihfahrrad oder Car-Sharing-Auto durch die Stadt fahren. Sie wählen immer das Verkehrsmittel, das gerade am besten passt.

Die Oberfläche der Jelbi-App. Quelle: Jelbi/BVG

Fachleute nennen diese Art der Mobilität multimodal oder auch intermodal. Bei Jelbi sieht das so aus: Die App schlägt den schnellsten und alternativ den günstigsten Weg zum Ziel vor. Kund*innen kaufen in der App ein Ticket für die gesamte Strecke und damit für die Verkehrsmittel aller Unternehmen, die bei Jelbi mitmachen.

Jelbi ist nach Meinung von Mobilitätsexpert*innen die MaaS-App in Deutschland, die bisher am meisten kann. „In Berlin gibt es mehr Mobilitätsanbieter als in jeder anderen deutschen Stadt“, sagt Philipp Kosok, Projektleiter ÖPNV bei der Berliner Denkfabrik Agora Verkehrswende. „Umso wichtiger ist es, dass die Nutzerinnen und Nutzer einen einfachen Zugang über eine App bekommen. Jelbi ist da sicherlich ein Vorbild.“

Des Weiteren baut Jelbi im Berliner Stadtgebiet eigene Mobilitätsstationen auf. An derzeit acht Standorten, meist direkt an U- oder S-Bahnhöfen, finden sich Leih-Roller, -Scooter, -Fahrräder und -Autos. Außerdem gibt es reservierte Stell- und Stromladeplätze. Die Mobilitätsstationen sind auch Haltepunkte für Taxis und Ruf-Busse (On-Demand-Shuttles). Weitere Stationen sollen nach und nach dazukommen – laut Jelbi „flächendeckend von der Innenstadt bis in die Außenbezirke“.

In immer mehr deutschen Großstädten, beispielsweise in Leipzig, München oder Hamburg, bauen die Verkehrsbetriebe an Plattformen und Apps für multimodale Mobilität. Auch kleinere Städte veröffentlichen eigene Lösungen: So hat die 32.000-Einwohner-Stadt Herrenberg in Baden-Württemberg im Rahmen eines vom Bundesverkehrsministerium geförderten Modellprojekts das Stadtnavi entwickelt. Dieser Mobilitäts-Service bietet derzeit Informationen zu intermodalem Routing und Mitfahrangeboten, zu freien Parkplätzen und Wohnmobilstellplätzen sowie zu Stromlade- und Fahrrad-Servicestationen. Weitere Dienste, etwa Informationen zu freien Plätzen in E-Bike-Stationen und zu Parkhaus-Belegungen, sind in Planung.

Entwickler brauchen Echtzeitdaten

Technisch sind diese digitalen Plattformen für flexible Mobilität seit vielen Jahren problemlos möglich. Trotzdem, so ÖPNV-Experte Kosok, geht die Entwicklung hierzulande viel zu langsam voran: „Deutschland ist in punkto MaaS kein Vorreiter in Europa. Länder wie Finnland, die Schweiz oder die Niederlande sind viel weiter.“

Damit MaaS funktioniert, müssen Mobilitätsanbieter ihre Daten zur Verfügung stellen, beispielsweise Fahrplandaten oder Informationen zu Haltestellen. Wichtig sind vor allem Echtzeitdaten, also Angaben darüber, ob ein Tretroller oder ein Leihfahrrad in der Nähe abgestellt wurde, wann der Bus genau ankommt oder ob die Regionalbahn Verspätung hat.

Ebenso wichtig ist, dass die Mobilitätsanbieter den Entwickler*innen erlauben, ihre Buchungsschnittstellen in eine App einzubauen. Die Schnittstellen sind die Voraussetzung dafür, dass ein Verkehrsbetrieb auch die Tickets anderer Anbieter verkaufen kann. Viele Verkehrsunternehmen und Sharing-Anbieter geben ihre Daten und Schnittstellen nur ungern frei. Ihre Argumente sind beispielsweise, dass sie fürchten, den Kontakt zu ihren Kund*innen zu verlieren, wenn andere Anbieter ihre Tickets verkaufen. Auch sei es dann möglich, dass andere Unternehmen sehen, welche Strecken oder Fahrzeugstandorte besonders beliebt sind und dort in der Folge selbst Fahrzeuge anbieten.

In Finnland erließ die Regierung deshalb ein Open-Data-Gesetz. Seit Anfang 2018 verpflichtet es alle Mobilitätsanbieter, ihre Daten und Schnittstellen offenzulegen. Die App Whim des finnischen Unternehmens MaaS Global gilt nun als eines der besten Beispiele für Mobilität aus einer Hand. Ein Open-Data-Gesetz fordert Philipp Kosok von der Agora Verkehrswende auch für Deutschland: „Der Gesetzgeber muss mehr Druck ausüben.“

Druck macht unter anderem die Europäische Union (EU): 2017 trat die Delegierte Verordnung 2017/1926 in Kraft, die den offenen Datenaustausch regeln und multimodales Reisen in Europa einfacher machen soll. Bis Anfang 2020 mussten alle EU-Staaten einen nationalen Zugangspunkt für Mobilitätsdaten einrichten. Über diesen sogenannten National Access Point müssen Verkehrsbehörden, Infrastrukturbetreiber und Mobilitätsanbieter in den kommenden Jahren nach und nach statische Daten bereitstellen: Fahrpläne, Radwegenetze, E-Tankstellen, Fahrradabstellanlagen und Carsharing-Stationen sowie Informationen zu Barrierefreiheit in Fahrzeugen und an Bahnhöfen. Allerdings dürfen die einzelnen Staaten weiterhin selbst entscheiden, ob sie Anbietern vorschreiben, auch Live-Daten zu veröffentlichen.

In Deutschland arbeitet zurzeit das Bundesverkehrsministerium (BMVI) an einem Gesetzentwurf, der Beförderungsunternehmen genau dazu verpflichten soll. Es geht um eine Änderung im sogenannten Personenbeförderungsgesetz. Der Entwurf sieht vor, dass ÖPNV-, Taxi- und Fernbusunternehmen sowie professionelle Ridesharing-Anbieter, wie beispielsweise Uber, Echtzeitdaten künftig offen bereitstellen müssen. Auf Buchungsschnittstellen werde sich diese Pflicht allerdings nicht beziehen, heißt es aus dem Bundesverkehrsministerium.

„Mobilitätsdaten sind Teil der Infrastruktur“

Unterdessen erkennen offenbar immer mehr Verkehrsbetriebe und Mobilitätsunternehmen, welche Vorteile sie durch die digitalen Mobilitätsplattformen haben, zum Beispiel, dass mehr Menschen ihre Angebote nutzen. In Berlin sei es einfach gewesen, Partner zu finden, erzählt Jelbi-Chef Heider. Im Januar 2019 rief die BVG alle Mobilitätsanbieter in Berlin auf, formell ihr Interesse daran zu bekunden, Teil von Jelbi zu werden. Es meldeten sich mehr als 30 Bewerber, etwa 25 erfüllten alle Kriterien. „Nun sind wir in dem Prozess, diese Anbieter nach und nach zu integrieren“, sagt Heider. Derzeit führt Jelbi neun eingebundene Mobilitätspartner auf.

Immer mehr Unternehmen stellen außerdem Daten über Plattformen der Kommunen, Länder oder des Bundes bereit. „Mobilitätsdaten sind ein Teil der Infrastruktur“, heißt es aus dem Ministerium für Verkehr in Baden-Württemberg. „Deshalb sollten diese Daten offen und diskriminierungsfrei allen zur Verfügung stehen, die zukunftsfähige Mobilitätsangebote entwickeln wollen.“

Das Land hat Mitte September 2020 die Plattform MobiData BW gestartet. Betrieben wird sie von der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg (NVBW). Zum Start bietet MobiData BW frei verwendbare Datensätze zu ÖPNV-Fahrplänen und Haltestellen, zu Leihfahrrädern und -autos sowie zu Parkhäusern und -flächen. Nach und nach will die NVBW weitere öffentliche und private Unternehmen als Partner gewinnen.

In einer nächsten Stufe sollen über MobiData BW Schnittstellen zur Verfügung stehen, um intermodale Routen zu berechnen. Dieses Routing, das unterschiedliche Verkehrsmittel in einer Reiseempfehlung kombiniert, wird zurzeit noch entwickelt. Anschließend werde es auf Herz und Nieren getestet, bevor es online gehe, so das Verkehrsministerium. Die Beteiligten erhoffen sich, dass Kommunen, Mobilitätsanbieter und andere Entwickler*innen das Routing dann in ihre Webseiten und Mobilitäts-Services-Apps einbinden.

Für die Bundesebene gilt, dass die Rolle des nationalen Zugangspunkts für Mobilitätsdaten, den die EU-Verordnung fordert, zunächst vom Mobilitätsdatenmarktplatz MDM übernommen wurde. Dort finden sich vor allem Daten zum Straßenverkehr. Das Bundesverkehrsministerium arbeitet daran, verschiedene Mobilitätsdaten-Plattformen in einem neuen Portal zusammenzuführen. Ende 2021 soll eine erste Version des neuen Portals online gehen, Ende 2022 soll es mit allen Funktionen zur Verfügung stehen, heißt es aus dem Bundesverkehrsministerium. Das neue Portal werde den MDM als nationalen Zugangspunkt ablösen – „mit Daten aus allen Mobilitätsbereichen und mit deutlich erweiterter Funktionalität.“

Auch Jelbi ist noch in der Entwicklungsphase. Offiziell ist es eine Forschungs- und Entwicklungskooperation mit dem litauischen MaaS-Unternehmen Trafi. Diese erste Jelbi-Phase läuft bis Ende 2021, danach will die BVG das Projekt langfristig ausschreiben. Die BVG habe erst einmal experimentieren wollen, sagt Jelbi-Chef Heider: „Wir wollten schauen: Wie ist die Nutzerakzeptanz?“ Mittlerweile haben mehr als 200.000 Menschen die Jelbi-App heruntergeladen, etwa 100.000 haben sich bei der Plattform registriert.

Auch mit der tatsächlichen Nutzung der App, der Fahrzeuge und Fahrdienste zeigen sich die Jelbi-Verantwortlichen zufrieden: In den Bewertungs-Foren der App-Stores ernten sie viel wohlwollende und konstruktive Kritik – das sei ein Indikator dafür, dass die Berliner*innen den neuen Service gut annähmen.

Aufmacherfoto: Sam Dark, via Flickr, CC-BY 2.0

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